The Italian Hand

The Italian Hand ist eine Audiodokumentation über die Kunst der italienischen Herrenschneiderei. Von erfahrenen Pionieren bis hin zur nächsten Generation hoch angesehener Familienunternehmen, von hochwertigsten Webereien als Schlüsselelement der gesamten Wertschöpfungskette bis hin zu lebenden Beispielen des modernen Gentlemans – The Italian Hand beleuchtet die leidenschaftliche Einstellung zum Leben und zur Arbeit der Meister und ihren Nachkommen auf eine direkte, persönliche und unverblümte Art.

Als Host nehme ich dich mit auf eine Reise durch verschiedene Style-Metropolen Italiens auf der Suche nach Erfahrungen und Perspektiven hochrangiger Schneidereiateliers, Webereien und Influencer, aber auch nach dem italienischen Fingerabdruck, der auf jedem handgefertigten Kleidungsstück zu spüren ist.

Konzeption, Design, Audioproduktion
2020

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Am Anfang war die Idee

Podcasts faszinierten mich schon seit längerem. Ich fand es sehr interessant, wie durch bloße Worte und Geräusche eine Welle an Inspiration losgetreten werden konnte. Immer wieder dachte ich daran, dass ich auch irgendwann einen eigenen Podcast machen werde. Zur gleichen Zeit fielen mir auf Instagram vereinzelt Influencer auf, die die Personifizierung des modernen Gentleman waren: Luca Rubinacci, Giorgio Giangiulio, Fabio Attanasio, nur um einige zu nennen. Besonders Luca Rubinacci fiel mir immer wieder auf – ein lebensfroher junger Mann, Sohn eines renommierten italienischen Schneiders, der Inbegriff napoletanischer Lebenslust und Leichtigkeit. Mit seinem legendären "Hello, everyone" führte er seine Follower durch seine Stores, zeigte wunderschöne handgemachte Anzüge her und gab immer wieder Tipps, welche Stoffe der moderne Gentleman zu welchem Wetter tragen kann.

Ich entwickelte eine Faszination zum Schneidereihandwerk und bewunderte die Hingabe und Leidenschaft der Italiener sowie ihre sympathische und bodenständige Einstellung zur Arbeit und zum Leben. Tatsächlich ließ sich auf keinem der gängigen Streaming-Plattformen ein Podcast finden, der die Geschichten dieses herzhaften Volkes erzählte. "Das wäre doch ein cooles Projekt", dachte ich und beschloss, einen Podcast bzw. eine Audiodokumentation über italienische Herrenschneiderei ins Leben zu rufen.

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Die Reise in ein komplett neues Terrain

Für mein neues Herzensprojekt hatte ich mir gleich zwei große Themenbereiche vorgenommen, in denen ich weder Fachkenntnisse noch konkrete Ansprechpartner bzw. Kontakte hatte: Das Podcasting-Handwerk und die große Welt der Herrenmode und Schneiderei.

Die Grundidee, um was es in dem Podcast gehen sollte, stand zumindest schon einmal fest. Wochenlang dachte ich allerdings darüber nach, wie ich mich mit meiner Stimme und meinem Vorhaben in einer Welt bewegen könnte, von der ich keine Ahnung hatte. Wie kann ich durch einen Podcast einen Mehrwert liefern, obwohl ich weder die Modewelt noch deren Geschichte kenne und überhaupt nicht weiß, was aktuell Relevanz hat? Wie kann ich trotz meiner dokumentarischen Herangehensweise vermeiden, dass man denken könnte ich würde mich als Experte auf dem Gebiet positionieren?

Eine große Hilfe bei der Suche nach den Antworten waren bereits vorhandene Podcasts, die das Thema Herrenmode aufgriffen. Also hörte ich jeden Tag Episoden von Blamo!, Handcut Radio oder die herausragende Audiodokumentation Unbuttoned – G. Bruce Boyers Life in Clothes von The Hogtown Rake. Durch das Anhören dieser Podcasts konnte ich analysieren, wie die Hosts mit ihren Interviewpartnern umgingen, welche Fragen sie stellten und welche Themen sie aufgriffen. Bald darauf kam ich zu dem Schluss, dass es das beste wäre, wenn ich im Podcast nicht mein Halbwissen präsentiere, sondern einzig und allein die Menschen in den Vordergrund stelle, die ich interviewe. Ich würde mich somit lediglich als die Bühne erweisen, die das Gegenüber nutzen kann, um ihre Geschichte und Eindrücke auszusprechen.

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Hilfe kommt dann, wenn man sie nicht erwartet

Nun wusste ich, um was es gehen sollte und wie ich mich bei den Interviews verhalten konnte, ohne die Schneiderei- und Modebranche ungewollt mit Füßen zu treten. Da kam bereits die nächste Frage auf: Wie führe ich die Interviews eigentlich durch? Ich wohnte zu dem Zeitpunkt im kleinen Altötting, einer Stadt 80km östlich von München. Italienische Schneiderei war hier überhaupt nicht präsent. Und wenn ich über die wunderbare Schneiderkunst Italiens berichten wollte, waren Interviews mit echten Schneidern aus Italien unumgänglich. Wie könnte man ein solches Interview nur zustande bringen? Über Skype? Oder persönlich anreisen und ein Gespräch vor Ort führen? Letzteres machte Sinn, immerhin sprechen gerade ältere Italiener wenig bis gar kein Englisch. Die Idee, Interviews im O-Ton mit nachträglicher Stimmsynchronisierung durchzuführen, um den italienischen Spirit so richtig wirken zu lassen, hing ich aufgrund fehlender Ressourcen schnell wieder an den Nagel. Die Interviews sollten ausschließlich auf Englisch durchgeführt werden.

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Der bereits erwähnte Podcast Unbuttoned von The Hogtown Rake lief bei mir weiterhin pausenlos auf und ab. Ich liebte die ganze Komposition des Podcasts – von der angenehmen Stimme des Erzählers über die spannenden Geschichten des Modeexperten Mr. Bruce Boyer bis hin zur sorgfältig ausgewählten Musik und den teilweise eingespielten Hintergrundgeräuschen, die die Stimmung perfekt abrundeten. Genauso wollte ich es auch machen. Ich wollte herausfinden, wie der Macher des Podcasts, Pedro Mendes, den Podcast produzierte und ob er vielleicht ein paar Tipps für einen bescheidenen Anfänger hätte. Pedro arbeitete dreizehn Jahre beim kanadischen Radiosender CBC, produzierte zahlreiche Audiodokumentationen und ist zudem Autor verschiedener Bücher über die Herrenschneiderei.

Zu meiner großen Überraschung meldete er sich per Mail bei mir zurück und willigte in eine kurze Videokonferenz ein, um Details zu besprechen und meine Fragen zu beantworten. Wir setzten einen Termin fest und unterhielten uns ca. eine Stunde lang darüber, auf was bei Interviews zu achten ist und wie ich mein Projekt am besten angehen könnte. Auch er gab mir unter anderem den Rat, Interviews dringend persönlich vor Ort durchzuführen. Ich bedankte mich bei ihm und wir blieben weiter in Kontakt.

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Gib' dem Kind einen Namen – und ein Aussehen!

Wie sollte mein Projekt eigentlich heißen? Ich arbeitete verschiedenste Namen aus. Mein Ziel war es, die Leidenschaft und die weltweit bekannte Historie der italienischen Schneidereikunst zu transportieren. Es sollte nicht zu fashionlastig klingen, sondern Charakter haben. Es sollte zudem auch nicht kitschig oder beliebig wirken, so wie zum Beispiel eine Silhouette eines Sportwagens das Logo einer KFZ-Werkstatt ziert. Ich hatte eine Auswahl von 10 verschiedenen Namen auf meiner Ideenliste, aber keine erzeugte das richtige Gefühl. Doch dann hörte ich zufällig in einem Interview mit Schneidermeister Enzo Ciardi folgende Aussage von ihm, als er gefragt wurde, was die neapoletanische Schneiderei von den anderen italienischen Stilen abhebt: "Es gibt keine Unterschiede. Den Unterschied macht der Mensch hinter den Kleidungsstücken, der Handwerker." Diese Aussage hatte Gewicht. Und tatsächlich, die Hände eines jeden Handwerkers waren dafür verantwortlich, dass die Kleidung so aussah wie sie aussah. Die Hände waren das Werkzeug der Schneiderei-Pioniere, der alten Meister und der neuen Generation, um die hohe Kunst der Maßanfertigung zu erhalten. Und so nannte ich mein Projekt The Italian Hand – Stories of italian tailors and artisans.

Das Design bestand aus einer sehr klassischen Serifenschrift für die Wortmarke, gepaart mit einer etwas moderneren Grotesk, um das Zusammenspiel von Tradition und Moderne zu visualisieren. Zwei Farbtöne standen im Vordergrund. Marineblau als Hauptfarbe und ein starker gelblicher Ocker-Ton als Begleitfarbe. Ein kleines Ornament, inspiriert von traditionell italienischen Mustern, diente dezent als Interpunktion oder als einfaches Gestaltungselement. Als Key Visuals fertigte Illustrationen im linienartigen Skizzencharakter an, welche Hände bei der Arbeit zeigten – bügeln, markieren, schneiden, abmessen. Für die Verwendung im Bereich Social Media bereitete ich Vorlagen für Audioteaser, Feed-Beiträge und Stories vor, in denen ich Ausschnitte der Folgen einarbeiten wollte, die kurze Ausschnitte der jeweiligen Folgen in Form von Audio oder Text darstellen sollten. Über Mailchimp richtete ich mir schon einmal einen Newsletter ein, da ich nicht nur über neue Folgen, sondern auch über meine Story berichten wollte. Am Ende hatte ich ein stimmiges Corporate Design zusammengebaut, mit dem ich arbeiten konnte.

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Design-Newcomer trifft auf Made in Italy

Nun hatte ich mein Thema, meine Positionierung und meine Herangehensweise an die Interviews. Jetzt stand die nächste große Frage im Raum: Wie gewinne ich Gäste für einen Podcast, den es noch nicht gibt? Ich hatte überhaupt keine Referenzen, denn ich war nicht einmal beruflich in der Modewelt angesiedelt – ich arbeitete Vollzeit als gelernter Mediendesigner in der Marketingabteilung eines landwirtschaftlichen Familienunternehmens. Es gab auch keine Hörproben, mit denen ich mich präsentieren konnte. Einzig und allein meine Idee und eine gute Formulierung mussten jetzt erfahrene Handwerker und Unternehmer einer Luxusbranche davon überzeugen, sich vor ein Mikrofon zu setzen und in einer Fremdsprache über sich selbst und ihr Leben zu sprechen.

Von hier an begann die große Recherchearbeit. Mithilfe von Google, diversen Sachbüchern und Ratgebern suchte ich mir die interessantesten Schneiderateliers, Webereien und Influencer heraus, die ich vor mein Mikrofon bekommen wollte. Dafür legte ich eine Google-Tabelle mit folgenden Infos an: Name des Unternehmens, Geschäftsführer, primärer Ansprechpartner, Adresse und Website. Darüber hinaus musste ich dokumentieren, ob, wann und wie ein Unternehmen oder eine Person kontaktiert wurde, wie die Reaktion war und ob eine Zustimmung oder Ablehnung zurückkam. Nachdem die Liste angelegt wurde, machte ich mich an die Kaltakquise – über das Business-Netzwerk LinkedIn.

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Ich betrat hier gefährliches Terrain, denn Social Selling ist generell nicht gern auf Business-Netzwerken gesehen. Deshalb musste ich ohne großes Bla-Bla gleich zum Punkt kommen und erzählen, warum ich die Person kontaktierte, um welches Projekt es geht und welches Ziel ich damit verfolge. Und so suchte ich mir einen Ansprechpartner nach dem anderen heraus und schrieb eine nette Nachricht. Parallel ging ich auch den Weg über E-Mail und verfasste entsprechende Anschreiben an die angegebenen E-Mail-Adressen der Unternehmen, welche ich jeweils dem Impressum der Website entnehmen konnte. Ich schrieb einen unfassbar langen Roman, bei dem jeder deutsche Unternehmer sofort auf "Löschen" geklickt hätte. Ich erklärte anhand durch Fragen aufgeteilter Absätze, was The Italian Hand war, warum ich den Podcast durchführen wollte und welchen Nutzen es für das Unternehmen hätte, das ich kontaktierte.

Zudem informierte ich über den genauen Ablauf der Interviews sowie der dafür benötigten Dauer. Ich hatte zudem zwei verschiedene Varianten des über 500 Zeichen langen Anschreibens – eine für neu kontaktierte Personen und eine für Influencer. Zu meiner großen Überraschung meldeten sich zahlreiche Unternehmer*innen, Geschäftsführer*innen und Schneider*innen zurück und waren begeistert von meiner Idee. Sie wollten entweder mehr über das Projekt erfahren oder waren sogar schon bereit dafür, sich Zeit für ein Interview zu nehmen. In beiden Fällen erhielt ich detailliertere Kontaktdaten für einen weiterführenden Austausch. Von über 50 kontaktierten Unternehmen und Einzelpersonen konnte ich letzten Endes fünfzehn von meinem Projekt überzeugen und über konkrete Interviewtermine sprechen. Ein voller Erfolg!

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Gute Planung ist die halbe Miete

Jetzt war es an der Zeit, meine Reise nach Italien zu planen und die Termine für die Interviews so kompakt wie möglich zu koordinieren – keine einfache Aufgabe, denn die Interviewpartner waren allesamt viel beschäftigte Unternehmer*innen und hatten nur sehr knappe Zeitfenster zur Verfügung. Auch ich musste als Vollzeitangestellter meinen Urlaub rechtzeitig im Voraus planen und sorgfältig mit dem knappen Zeitfenster der Podcast-Gäste abstimmen. Fürs erste entschied ich mich, in die schöne Modemetropole Mailand zu reisen, da die meisten Personen, die ich für meine Idee gewinnen konnte, in Mailand und Umgebung arbeiteten. Und so plante ich eine Woche vom 27. Januar 2020 bis 01. Februar 2020 ein, nahm mir dort eine Woche Urlaub, buchte ein Zimmer im Hotel Ginosi Arizona in der Via Bressanone und kaufte mir ein FlixBus-Ticket von Salzburg nach Mailand. Ich war stolz darauf, dass ich nun zehn Interviews innerhalb einer Woche einplanen konnte und freute mich enorm auf die vor mir liegende Erfahrung.

Das Konzept für den Podcast stand, die Vorgehensweise bei der Produktion war klar, die ersten Interviews waren eingeplant und die Reise war gebucht – jetzt fehlte nur noch das technische Equipment. Nach umfangreicher Recherche, welche aus stundenlangem Anschauen von Mikrofon- und Recorder-Reviews sowie der Analyse von Produktvergleichen bestand, besorgte ich mir Mikrofone, Stative, ein Aufnahmegerät, XLR-Kabel, Audiokabel, Audioadapter, Studiokopfhörer, Speicherkarten, Batterien, Ladegeräte und eine Equipmenttasche. Rechtzeitig zum Abreisetermin – ein Mikrofon erhielt ich tatsächlich noch einen Tag vor der Abreise – hatte ich alles beisammen, was ich für den mobilen Podcast benötigte. Gesamtgewicht des Equipments allein: ca. zehn Kilo. Kosten fürs Equipment: ca. 1800€.

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Aufbruch in eine neue Welt

Der Tag der Abreise kam und ich freute mich unglaublich darauf. Aber die Menge an Gepäck war sportlich. Zu den ca. zehn Kilogramm Equipment kam ein großer Reisekoffer mit Kleidung für eine Woche. Und da ich mich mit Schneidern und Unternehmern aus dem Luxussegment traf, wollte ich entsprechend gekleidet sein. Somit sorgten die Lederschnürschuhe, Sakkos, Hemden und Bundfaltenhosen für zusätzliches Gewicht. Der Laptop und alles andere an Zubehör kam in eine extra Umhängetasche.

Ich fuhr nun los in Richtung Salzburg, stellte mein Auto am Bahnhof in Freilassing ab, um mit dem Zug zum Salzburger Hauptbahnhof zu gelangen. Ich war schon etwas knapp in der Zeit, aber ich sollte schon rechtzeitig am Bahnhof ankommen, um den FlixBus zu erwischen. Zu meiner Überraschung stellte ich in Salzburg fest, dass der FlixBus nicht dort, sondern ca. acht Kilometer südlich in der Nähe des Europarks losfuhr. Ich musste also schleunigst innerhalb von 20 Minuten dort hin kommen. Ich rief ein Taxi, hatte allerdings nur fünf Euro in Bar in der Tasche. Während ohnehin meine Körpersprache schon auf Hektik eingestellt war, verdeutlichte ich dem Taxifahrer noch einmal wörtlich, dass ich Punkt 20 Uhr den Bus erwischen musste. Er sagte „Ok“ und stieg aufs Gas. Dass ich nur fünf Euro parat hatte, die Fahrt aber dreizehn ausmachte, hat der gute Herr mir netterweise verziehen. Und so saß ich endlich im Bus, mit meinem Gepäck verstaut, zwei Minuten vor der geplanten Abreise.

Blöderweise fuhr der Bus einen unnötigen Umweg in die entgegengesetzte Richtung nach München. Dort musste ich einmal umsteigen in Richtung Mailand – naja, man muss nicht alles verstehen. Die Reise lief sehr entspannt ab und nach etwas sechs Stunden erreichten wir Mailand am frühen Morgen gegen 5.30 Uhr. Ich hievte mich und mein Gepäck zur nächsten Metro und fuhr in die Innenstadt zum Duomo di Milano. Als ich aus der Metro an die Oberfläche stieg, präsentierte sich bereits der imposante, beleuchtete Mailänder Dom und ließ mich erst einmal vor Staunen pausieren. Die Morgendämmerung trat unter der Begleitung von Vogelgesängen ein und es waren nur ein paar wenige Frühaufsteher unterwegs. Eine herrliche Stimmung. Ich besorgte mir erst einmal einen Kaffee und plante meinen Tag.

Es war nun schon sechs Uhr am Morgen, das erste Interview war für acht Uhr geplant. Ich hatte mir für diese Woche einen Fiat 500 bei SIXT gemietet, welchen ich direkt an diesem Morgen in der Nähe des Duomo abholen konnte. Ich verließ also das Café und spazierte mit dem Gepäck zur SIXT-Filiale, welche allerdings noch geschlossen hatte. Während ich vorn draußen wartete, kamen zwei Angestellte der Filiale heraus und begaben sich in ein Café gegenüber. Eine der beiden, eine klassische Italienerin, bemerkte mich als wartenden Kunden und begrüßte mich freundlich, gefolgt von einem „Möchten Sie auch einen Café?“ Ich verneinte höflich, musste jedoch in mich hineinschmunzeln – achja, der italienische Charme… in Deutschland hätte man nie im Leben daran gedacht, einen Fremden auf einen Kaffee einzuladen.

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Die Premiere – zu Besuch bei Canclini 1925

Ich stieg in meinen Fiat und machte mich auf den Weg in die Region Como zu meinem ersten Interview – der Weberei Canclini 1925. Ich kam bei der Akquise mit dem Vertriebsmanager Marco Ferrabue in Kontakt, der mit mir den Termin plante. Ich betrat das Firmengelände und wurde von ihm bereits herzlich empfangen. Während wir auf den Bruder des Inhabers Mauro Canclini warteten, baute ich in der Zwischenzeit mein Setup im Konferenzraum auf. Die Einrichtung war relativ schlicht, nichts außergewöhnlich modernes. Wenn man in Betracht zieht, dass nahezu jede Schneiderei in ganz Italien und unzählige Schneiderateliers weltweit die edlen Stoffe und Kleidungsstücke der Firma Canclini verarbeiten, rechnet man mit einer Aufsehen erregenden Innenarchitektur.

Aber das war nicht der Fall. Es wirkte wie eine einfache regionale Fabrik, der edelste Raum war das Archiv – ein Raum mit hunderttausenden von Stoffmustern, die teilweise bis ins letzte Jahrhundert zurückreichen. Mauro traf inzwischen ein und wir fingen mit dem Interview an. Sowohl Mauro als auch Marco brachten sich sehr gut ins Gespräch mit ein und erzählten viele interessante Aspekte zur Unternehmensgeschichte und zur Mentalität der italienischen Schneiderindustrie.

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Espresso #3 bei der Calzificio Bresciani 1970

Am frühen Nachmittag machte ich mich dann auf zu meinem zweiten Interviewpartner an diesem Tag – Bresciani 1970, ein Strümpfehersteller aus Spirano, Bergamo. Bresciani 1970 stellt seit über 30 Jahren hochwertigste Herrenstrümpfe aus verschiedensten erlesenen Materialien wie Seide, Leinen, Baum- und Merinowolle her und liefert als B2B-Händler die Produkte an verschiedenste Herrenausstatter in Europa, Amerika und Asien, unter anderem an einen der bekanntesten Stilmagazine, The Rake. Dort angekommen, wurde ich gleich freundlich mit einem Espresso begrüßt – dem bereits dritten an diesem Tag. Der Geschäftsführer Massimiliano, mit dem ich den Termin vereinbart hatte, empfing mich kurz darauf und bat mich in sein Büro. Ich baute mein Setup auf und führte etwas Smalltalk mit ihm, während der geduldig wartete und dem Geschehen zusah. Wir kamen schnell ins Gespräch und Massimiliano fing an von der Geschichte seines Vaters, seines Unternehmens und der Herausforderungen am Markt zu erzählen.

Nach unserem Interview wurde ich durch die verschiedenen Fertigungs- und Veredelungsbereiche geführt und beobachtete, wie hochkomplexe Maschinen die Strümpfe nach und nach mit den edlen Stoffen zusammensetzten, während einige Damen des überschaubaren Teams sich um die Qualitätsprüfung und Verpackung kümmerten. Massimilianos aufgeweckter Bruder erklärte mir alle notwendigen Fertigungsschritte und zeigte mir voller Stolz die historischen Erinnerungen und Erfolge des Unternehmens in Form von Bildern. Ein nettes und vor allem lustiges Team von leidenschaftlichen Menschen unterschiedlichen Alters, die gemeinsam ein Luxusprodukt herstellen, welches sich nur sehr dezent – fast schon unsichtbar – an den Füßen stilbewusster Menschen positioniert und im Vergleich zu Anzügen oder Schuhen nur Connaisseuren auffällt.

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Nachdem ich mich von allen dort verabschiedet und für die Gelegenheit gedankt hatte, stieg ich wieder in meinen Fiat und fuhr zurück nach Mailand, um in mein Hotel einzuchecken. Ich hatte keine hohen Ansprüche und darüber hinaus auch so gut wie kein Budget – und genau deshalb sah das Hotel so aus wie es aussah. Direkt gegenüber der Autobahnauffahrt und unmittelbar neben eines Casinos lag das Hotel Ginosi Arizona, welches ein ungefähr drei Quadratmeter großes Zimmer bereithielt.

Ich packte meine Koffer aus, schlüpfte in etwas bequemeres und setzte mich sofort mit meinem Laptop an den kleinen Ecktisch am Fenster, um die Aufnahmen des heutigen Tages durchzugehen. Keine Störgeräusche, sauberer Klang – das konnte sich hören lassen. Bald darauf schlief ich relativ schnell ein und lud so meinen Energietank auf für den nächsten Tag, an dem ich weitere Gäste treffen sollte.

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Fabio Sbranchella, Quartieri Cravatte und die verborgene Schönheit von Milan

Am nächsten Tag traf ich mich mit Fabio Sbranchella, dem Inhaber und Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens mit dem Namen Quartieri Cravatte. Wie es der Name schon sagt, stellt das Unternehmen eigene Krawatten aus Seiden- und Wollstoffe her. Fabio ist ein lebendiger und fröhlicher Mensch, das hatte er mir bereits während unseres Schriftverkehrs bewiesen, als er mir anbot, nicht nur mein Interviewgast zu sein, sondern mich auch mit einem renommierten Schneideratelier bekannt zu machen sowie mir eine kleine Tour durch Mailand zu geben, um die – wie er sie nannte – verborgene Schönheit zu zeigen. Fabio ist im Herzen ein echter Mailänder und das zeigte er mir nach einem morgendlichen Espresso in unserem Interview, als er davon sprach, dass Schneider und Handwerker in Mailand nicht mit ihren Fähigkeiten und Produkten prahlen. Man sei eher zurückhaltend und ließe die Erzeugnisse für sich selbst sprechen. Interessanterweise hatte mir genau das auch Mauro Canclini am Tag davor gesagt. Die Mentalität stimmte also, obwohl Mailand in der Modebranche eine ganz andere Position vertritt. Ich traf Fabio am nächsten Tag erneut, da er mir bestätigte, dass das von ihm erwähnte Atelier in der Innenstadt zu einem Interview eingewilligt hatte.

Nach dem sehr schönen Aufenthalt und dem gelungenen Interview verabschiedete ich mich von Fabio. Er bestand darauf, dass ich mir eine Krawatte aus seiner Kollektion aussuchte, um sie mir zu schenken. Dankbar entschied ich mich für eine wunderschöne, tannengrüne Seidenkrawatte mit sehr dezenten, eng beieinander liegenden Ornamenten – ein Markenzeichen seiner Produkte, da sie die Diskretion und Bescheidenheit der Mailänder Mentalität repräsentieren.

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Jung, dynamisch, zielstrebig – die Sartoria Ostellari

Nach dem Abschied machte ich mich auf dem Weg zu meinem Gast, der Sartoria Ostellari in der Via Roma, Albiate, ungefähr 20 Minuten nördlich von Monza. Carlo Ostellari und Laura Mantovani, das führende Team der Schneiderei, empfingen mich in freundlicher, aber etwas schüchterner Manier in ihrem Atelier. Scheinbar hatte sie noch niemand für einen Podcast oder eine Form der Dokumentation besucht, oder sie waren es einfach nicht gewohnt sich zur Schau zu stellen – das würde für die bereits erwähnte Zurückhaltung der Norditaliener sprechen.

Wir führten das Interview im Stehen durch, da es in der Werkstatt keinen Platz zum Sitzen gab. Während einige Damen an Maßanzügen, Hosen oder Hemden arbeiteten und im Hintergrund immer wieder eine Nähmaschine zu hören war, sprach ich mit Carlo und Laura über ihre Anfänge, ihre Passion und über das Handwerk. Laura ist eine sehr junge Schneiderin und bedient damit gleich zwei ungewöhnliche Eigenschaften für die Schneidereibranche. Umso mehr faszinierte mich ihre Leidenschaft und ihre ehrgeizige Präzision bei der Arbeit. Nach dem Interview machte ich mich wieder auf den Weg zurück ins Hotel, um den Abend ausklingen zu lassen und wieder Kräfte für den nächsten Tag zu sammeln.

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Francesca Serafin von Serà Fine Silk – ein seidenes Bündel voller Energie

Der Mittwoch sollte der produktivste aller Tage werden. Ich freute mich auf den ersten Termin, da ich die Chance bekam, ein Interview mit der Unternehmerin Francesca Serafin zu führen. Die gründete das Unternehmen Será Fine Silk, welches Krawatten, Hosenträger und Einstecktücher, aber auch Schals und weitere Accessoires aus feinsten Stoffen wie Seide, Kaschmir, Baumwolle und andere herstellt – sowohl für Damen als auch für Herren. Ihre Geschichte ist sehr interessant, da sie eher durch ein Nebenprojekt zur Modebranche kam und nicht zuletzt durch ihre energiegeladene und lustige, aber auch ehrgeizige Art bekannt wurde. Sie arbeitet von einem kleinen Atelier im Zentrum Mailands in der Via Santa Croce aus.

Ich kam etwas zu früh zu unserem Termin, weshalb ich von ihrer Social Media Managerin hereingelassen wurde, auf der Couch Platz nahm und auf sie wartete. Kurz darauf stürmte sie herein, gab ein paar Anweisungen auf Italienisch, entschuldigte sich förmlich für die Verspätung, bot mir einen Kaffee an und setzte sich dann zu mir. Sie ist mit ca. 1,83 Meter größer als sie auf den sozialen Medien wirkt. Sie hatte einen Fotografen mitgebracht, Andrea Natali, der uns während des Interviews portraitieren sollte. Das Interview erfolgte nur mit meinem mobilen Rekorder und einem der drei Mikrofone. Ich hatte nur kurz mit einem In-Ear Kopfhörer den Pegel gecheckt, nahm ihn aber während des Gesprächs ab. Sie lachte viel und sprach schnell, so als wäre sie im absoluten Terminstress. Vergleicht man ihr Auftreten jedoch mit ihren Social-Media-Einblicken wird schnell klar, dass sie einfach nur aufgeweckt und bis oben hin mit Energie gefüllt ist. Wir sprachen eine ganze Weile über ihre Vergangenheit, ihre Eindrücke, was sie so an ihrer Arbeit liebt und was diese Tätigkeit für sie bedeutet. Wir machten im Anschluss noch ein paar Fotos und ich zog wieder weiter. Ich liebte dieses kleine, gemütliche Atelier, vollgepackt mit feinsten Accessoires, die nicht gerade günstig waren. Der Raum sprühte vor kreativer Energie und Tatendrang. Aus einem kleinen Raum heraus Produkte in die ganze Welt verschicken, das war der Entrepreneur-Spirit der Italiener.

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Camiceria Ambrosiana – ein Atelier voller Geschichte

Als nächstes traf ich mich wieder mit Fabio, der versprochen hatte, mich zu einem Freund mitzunehmen, der ebenfalls beim Podcast dabei sein wollte – Alessandro Agostini von der Camiceria Ambrosiana. Das kleine Atelier in der Via Soncino war fast unscheinbar, aber reich an Historie. Königshäuser, Schauspieler, Musiker und Politiker hatten sich von dieser Schneiderei bereits exklusive Maßhemden anfertigen lassen – König Vittorio Emanuele II. oder auch der Geigenvirtuose Niccolò Paganini aus dem 18. Jahrhundert, nur um zwei zu nennen.

Und trotzdem war es eine überschaubare Werkstatt, die vor lauter Mustern, Stoffproben, Arbeitsflächen und Schneidereiwerkzeugen aus allen Nähten platzte. Wir gingen durch den Hinterhof ins Versandlager, in der deckenhohe Schränke voller Kundenprojekte gestapelt waren, um dort ein kurzes Interview durchzuführen. Ich stellte die Fragen auf Englisch, Fabio übersetzte, Alessandro antwortete auf Italienisch. Seine Antworten waren präzise, kurz und fast schon streng. Aber er war einer der ruppigeren Persönlichkeiten, bei der das Sprichwort zutraf: Harte Schale, weicher Kern.

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Stefano Cau über das Einfache, die Liebe zum Handwerk und das Gespür für neue Trends

Am Freitag hatte ich mein letztes Interview für diese Woche. Und so fuhr ich an den Comer See in die Via Rezzonico, wo ich Stefano Cau treffen sollte. Stefano Cau führt ein in der Szene gut bekanntes Unternehmen und verkauft hochwertige Krawatten, Fliegen, Hosenträger und weitere Accessoires für Herren. Stark inspiriert vom Stil der 20er, 50er und 60er sowie dem Art Deco, verkauft Stefano seine Unikate sowohl in gängigen, leicht kombinierbaren Farben, aber auch in bunten und quirligen sowie ungewöhnlichen Farbkombinationen und Mustern. Ich traf ihn in seinem kleinen Büro – einem etwas heruntergekommeneren Raum mit kalten Bodenfließen und einigen Vintage-Möbeln. Es lagen viele Accessories wie Bilder, Statuen, Kleidungsstücke und Requisiten herum, die genau seinen Stil deutlich machten. Ich mochte die Einfachheit und den Charakter dieses Büros.

Ich unterhielt mich mit ihm für eine Weile und als ich ihm von meinem Projekt erzählte, schlug er vor, eine kleine Rundreise durch die Gegend um den Comer See zu machen. Er wollte mir unbedingt seine Quellen der Inspiration und der Produkte zeigen, wie sie hergestellt werden und die Personen dahinter, die jeden Tag an den Webemaschinen stehen. Und so stiegen wir kurzerhand in sein Auto und fuhren los. Der erste Halt war eine kleine Textilfabrik mit einem großen Ausstellungsraum. Wir trafen dort auf ein sehr nettes Ehepaar einer Textilfabrik, welches uns verschiedenste Stoffmuster in allen möglichen Varianten vorlegte. Stefano musterte es akribisch genau und erfühlte jedes Stück Stoff.

Nachdem wir uns zahlreiche Muster angesehen hatten, stiegen wir wieder ins Auto und fuhren zu einer Fabrik, die Kleidungsstücke und Accessoires für das Luxussegment herstellte. Gucci, Dolce & Gabbana, ich sah wirklich nur Logos der High Fashion Brands aus den Webmaschinen kommen. Kaum zu glauben, aber die weltberühmte Seide aus der Comer Region erfreut sich immernoch höchster Beliebtheit – auch bei den Mainstream Brands. Der Leiter der Fabrik war ein alter aber aufgeweckter und energiegeladener Herr, der mich sofort mitzerrte, um mit erstaunlich lauter Stimme jeden einzelnen Arbeitsschritt zu erklären. Selbst an den Computern, wo die Muster für die Kleidungsstücke über Grafikprogramme angelegt wurden, versetzten ihn so in Begeisterung, dass man hätte meinen können, er hätte gerade im Lotto gewonnen. Was für eine Leidenschaft!

Nach dieser eindrucksvollen Besichtigung ging es wieder zurück in Stefanos Büro und wir fingen mit dem Interview an. Etwas über zwei Stunden lang unterhielten wir uns über seine Geschichte und seine Passion.

Er hatte sehr viele philosophische Denkansätze und überzeugte mit weit gedachten Perspektiven in Bezug auf die Arbeit und das Privatleben. Was mich so faszinierte war die Tatsache, dass Stefano ein Unternehmen hatte, das hochwertigste Produkte in die ganze Welt verschickte, sein Büro aber ein kahler Raum war, der nicht gerade mit hochwertiger Technik oder anderen Spielereien ausgestattet war.

Es war lediglich ein Rückzugsort und ein Platz zum Arbeiten, Denken und Inspirieren. Er ist zufrieden mit der Positionierung seines Unternehmens und hat nicht vor, Millionen zu verdienen. Diese ausgeglichene und bodenständige Eigenschaft begeisterte mich. Er hat ein Gespür für neue Trends und weiß, wie man Influencer und die sozialen Medien richtig einsetzen muss. Ich genoss unser Gespräch und verließ sein Büro mit weiteren zwei Stunden qualitativ hochwertigem Audiomaterial. Was ich nicht genoss war der Strafzettel, der die Windschutzscheibe meines Mietwagens zierte – che cavolo...

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Ein langer Abschied

Der Tag der Abreise stand bevor und dieser sollte mir noch einmal zeigen, dass ich mich besser hätte auf die Reise vorbereiten sollen. Grundsätzlich gab es zwei FlixBus-Haltestellen in Mailand – eine an der Station Molino Dorino, welche im Westen der Stadt lag, ca. 20 Minuten vom Zentrum entfernt, und eine am zentralen Bahnhof. Von meinem Hotel zur nächsten U-Bahn Station waren es 25 Gehminuten entlang einer Hauptstraße, durch ein Industriegebiet und mehrere Parks. Es fing schon einmal an, dass ich, während ich mein Gepäck an der Hauptstraße entlang schleppte dachte, ich hätte meine Brieftasche im Hotel vergessen. Also machte ich den Koffer am Straßenrand auf und durchwühlte jeden Winkel, bis ich die Brieftasche letztlich in meiner Umhängetasche fand. Nun denn, weiter gehts. Schweißgebadet an der Metro angekommen erreichte ich gerade noch so die nächste U-Bahn in Richtung Hauptbahnhof. Am Bahnhof angekommen eilte ich zum angeführten FlixBus-Standort, um meinen Bus zu erreichen. Aber es war kein Bus dort. Der Zeitpunkt der Abreise auf meinem Ticket war bereits gekommen und es stand kein Bus dort.

Ich schaute mehrmals in der App nach, fragte andere Busfahrer die gerade Pause machten und konnte partout nicht herausfinden warum der Bus hier nicht kam. Bis ich registrierte, dass er von der anderen Haltestelle im Westen der Stadt wegfuhr. Wow. Naja, dann muss ich mir eben wohl oder übel ein neues Busticket für den nächsten Bus holen, der von dort in Richtung Heimat fuhr. Plötzlich signalisierte mein Handy, dass mein Datenvolumen aufgebraucht war und ich nicht mehr ins Internet konnte, geschweige denn die App benutzen, um ein neues Ticket zu kaufen. Am Hauptbahnhof gab es keinen aktiven WLan-Hotspot, sodass ich mit dem ganzen Gepäck einfach wieder zurück zur Metro eilte und den ganzen Weg wieder zurückfuhr. In der Metro bat ich einen Fremden um sein Handy, damit ich von dort aus mein Busticket kaufen konnte. Leider war der Empfang allerdings so schlecht, dass ich die Transaktion nicht rechtzeitig abschließen konnte, bevor der gute Herr wieder aussteigen musste. Ich kam nun endlich an der anderen Haltestelle an und stellte fest, dass auch mein nächster Bus schon längst weg war. Das bedeutete, einfach auf den nächsten Bus warten, der in 6 Stunden fuhr. An der Haltestelle gab es eine große Warte- und Versorgungshalle, in der viele Reisende auf ihren Bus warteten. Und so setzte ich mich hin und beobachtete die Leute, während Stunde um Stunde verging.

Zwischenzeitlich konnte ich mir dank der WLan-Hotspots der FlixBusse ein neues Ticket kaufen, sodass die Heimreise zumindest gesichert war. Um fünf Uhr morgens kam dann endlich mein Bus und wir fuhren los Richtung München – weitere sechs Stunden Fahrt, welche durch einen Zwischenfall am Zoll massiv in die Länge gezogen wurde, da ein Passagier in meinem Bus keine Papiere dabei hatte und nun beweisen musste, wo seine beiden Elternteile lebten, was er vorhatte und was er in Italien gemacht hat. Aus sechs Stunden wurden somit acht. In München angekommen, wartete ich nun auf den nächsten Bus nach Salzburg. Vier Stunden später traf ich in Salzburg ein, nahm den innerstädtischen Bus zum Bahnhof, stieg in den nächsten Zug nach Freilassing und sackte erschöpft, aber glücklich in meinen alten Peugeot, der immernoch seelenruhig auf mich wartete. Eine Stunde Autofahrt später lag ich wieder im Bett meiner geliebten Wohnung und bewegte mich erst einmal keinen Zentimeter mehr. Nach 21 Stunden Heimreise war ich endlich wieder Zuhause!

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Das Projekt erwacht zum Leben

Eine Woche Mailand war vorüber, ich hatte fast alle meine Termine wahrnehmen können und nahm unglaublich viele Eindrücke von der Reise mit nach Hause. Jetzt war es an der Zeit, mein Projekt zum Leben zu erwecken. Ich vertiefte mich in Adobe Audition und bearbeitete, schnitt, mischte und moderierte meine ersten Folgen. Meine erzählerischen Passagen nahm ich in meinem Schlafzimmer auf, während ich zur Hälfte in meinem Kleiderschrank stand. Ich hatte mit meinem Gesicht zwischen Sakkos und Hemden die optimale Aufnahmebox und konnte so im Voraus nervigen Hall vermeiden. Was mir allerdings noch fehlte war ein musikalisches Intro.

Ich hatte allerdings schon Vorstellungen davon, wie es klingen sollte. Und so nutzte ich zum ersten Mal die Plattform Fiverr, um jemanden zu finden, der das Intro für meinen Podcast komponieren konnte. Die Plattform steht zwar gerade bei Designern häufig wegen den unbestreitbaren Dumpingpreisen in der Kritik, in diesem Fall aber konnte ich den Service gut gebrauchen. Allerdings ist damit immer ein Risiko verbunden, da das Endergebnis erst nach Bezahlung übermittelt wird. Garantiefälle sind in der Regel immer recht umständlich und nervenzehrend. Ich beschrieb so gut und detailliert wie nur möglich meine Vorstellungen und gab als Orientierungshilfe das Lied "L'Appuntamento" von Ornella Vanoni an – eines meiner Lieblings-Soundtrack aus dem Film Oceans 12. Mein Gegenüber jedoch konnte auch nach mehreren Anläufen und Korrekturen nicht die Stimmung auffassen, die ich mir vorstellte. Es klang jedes Mal eher so als hätte man die Melodie Vanonis genommen und nur eine Oktave tiefer angesetzt – nicht wirklich nützlich. Somit waren schon einmal 100 Euro Lehrgeld bezahlt.

Kurz darauf fand ich dann ein Komponistenduo aus Neuseeland mit Namen Cloud Road Music, die aufgrund ihrer Referenzen sehr schöne Stücke komponierten. Und tatsächlich, nach einigen Anpassungen hatte ich mein Intro inklusive mehrerer Abwandlungen und Varianten. Es hatte den italienischen Touch den ich suchte, ohne jedoch zu viel Mandoline zu enthalten. Es hatte genau die gewünschte melancholische Stimme, die auch die Eleganz der Schneidereikunst transportierte. Ich liebte es! Nun konnte ich meine Folgen produzieren. Ich schnitt die Originalaufnahmen so zurecht, dass am Ende nur die Kernaussagen der Gäste zu hören waren. Daraufhin schrieb ich ein passendes Skript, in dem ich dann wie bei einer Dokumentation die Passagen einblendete. Der Stil gefiel mir und es machte enorm viel Spaß, die Grundlagen der Audiobearbeitung für dieses Projekt anzuwenden. Auch für die Normalisierung, die Rauschreduktion und das Equalizing hatte ich Workflow-Patterns vorbereitet, die ich in Audition nur noch auf der Spur anwenden musste.

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Eine Fledermaus verändert alles

Ein paar Wochen später erreichte uns die Nachricht, dass eine weltweite Pandemie ausgebrochen war – Covid-19. Ganze Länder schotteten sich ab, verhängten eine mehrwöchige Quarantäne, man durfte nur für die Arbeit, den Arzt oder zum Einkaufen nach draußen gehen. Es war ein Ausnahmezustand, der alles und jeden aus dem Konzept riss. Da das Reisen fortan nicht mehr möglich war, schwanden auch meine Pläne für eine erneute Italienreise dahin. Das Projekt rund um The Italian Hand kam somit zum Stillstand – vorerst. Während des "Lockdowns", also der umfassenden Quarantäne, hatte ich noch eine letzte Idee.

Ich wollte die Eindrücke der Schneider, Unternehmer und Influencer erfassen und im Podcast abbilden. Ich wollte in Erfahrung bringen, wie jeder einzelne von ihnen damit umgeht und was dies für ihr Unternehmen bedeutet. Ich schickte also E-Mails an alle Personen aus meiner Interview-Planungsliste. Ich staunte nicht schlecht, als sich nicht nur meine damaligen Podcast-Gäste mit Sprachnachrichten zurückmeldeten, sondern auch neue Personen, darunter bekannte Namen wie Fabio Attanasio, Nicola Radano und Damiano Anunziato der renommierten Schneiderei Sartoria Dalcuore. Sie alle schickten mir Sprachnachrichten per WhatsApp, in denen sie einige Gedanken über die ganze Situation ausdrückten. Auch hier spürte ich wieder die Offenheit und Spontanität der Italienier, die sich trotz eines vollen Terminplans nicht davor scheuten, ein paar Minuten ihrer Zeit für das Herzensprojekt eines Einzelnen herzugeben. Zu keiner Zeit habe ich so etwas gehört wie "Ich habe dafür jetzt keine Zeit, ich habe besseres zu tun".

Das Herzensprojekt The Italian Hand war für mich ein voller Erfolg und hätte noch viele Türen geöffnet. Ich durfte tief in die wertvolle Geschichte der Schneiderei eintauchen und entwickelte eine noch größere Faszination gegenüber echter Handarbeit, die ein Leben lang hält. Auch wenn ich dank diverser Strafzettel, einem ganzen Equipmentberg und mehrerer Bus- und Zugtickets insgesamt über 3000€ los war, liebte ich alles an dem Projekt. Ich liebte die Konzeptionsphase, das Akquirieren, die Reise und den Aufenthalt und all die Dinge die schiefgingen. Noch ist das Projekt auf Eis gelegt – wer weiß, ob es unter der italienischen Sonne wieder einmal zum Leben erwacht.

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Meine Lektionen für Leben und Beruf

  1. Es gibt immer Mittel und Wege, seine persönliche Idee zu verwirklichen – ganz egal ob etwas großes daraus wird oder nicht.

  2. Einfach fragen. Solang man taktvoll bleibt und für eine gute Sache arbeitet, hat man nichts zu befürchten. Mehr als ein Nein kann nicht passieren.

  3. LinkedIn ist für die Netzwerkbildung zugunsten eigener Projekte, aber auch für alle anderen beruflichen Angelegenheiten, Gold wert.

  4. Eine Idee braucht ein Konzept, welches ein paar Schritte vorausdenkt.

  5. Auch wenn es ein Konzept braucht, darf die Spontanität und das Einfach-machen nicht verloren gehen.

  6. Italienische Geschäftsleute sind unvorstellbar herzlich und zuvorkommend, besonders in der Schneidereibranche.

  7. Es ist überhaupt nicht schlimm, auf einem Gebiet kein Experte zu sein. Die eigene Positionierung muss stimmig zum Konzept sein. Andere sprechen zu lassen bringt in den meisten Fällen ohnehin mehr Nutzen, wenn es die richtigen Leute sind.

  8. Keine Angst vor schmutzigen Händen! Wenn es bedeutet, einmal wenig Schlaf zu bekommen, quer durch unbekannte Gegenden zu kutschieren, kiloweise Gepäck zu schleppen, vor Hektik schweißgebadet zu sein, spätabends erschöpft ins Bett zu fallen und Unmengen an Kohle zu verlieren, dann ist das eben so. Scheust du dich davor, hast du keine echte Leidenschaft.

  9. Anpassungsfähig bleiben ist der Schlüssel zu erfolgreichen Projekten. Neue Lösungen zu finden hält das Rad in Bewegung.

  10. Ein Espresso ist der beste italienische Einstieg für geschäftliche Beziehungen.

Lust auf eine Zusammenarbeit? Lass' uns darüber reden!

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