1000 Tage ohne Sonnenlicht #2

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By Jordi
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Februar 18, 2022
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5 min read
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Ich wache auf.

Meine Augen sind schwer, mein Kopf schmerzt, ich fröstele. Es fühlt sich an, als hätte ich die ganze Nacht
durchgemacht und würde jetzt mit einem fetten Kater aufwachen. Ich liege auf alten, angerissenen
Zeitungspapieren, die mich als einziges vom gnadenlos kalten Boden trennen. Auf diese Art und Weise
aufzuwachen bin ich bereits gewöhnt. Mein Körper fühlt sich an wie 67. Ich bin geistig zum Glück noch
recht fit, aber ich kämpfe jeden Tag mit negativen Gedanken. Gedanken übers Aufgeben, Gedanken der
Resignation, der Hoffnungslosigkeit. Ich habe schon lange kein Tageslicht mehr gesehen, weiß gar nicht
mehr wie die Welt draußen mittlerweile aussieht. Vielleicht ist der dritte Weltkrieg bereits ausgebrochen.
Vielleicht sind fliegende Autos schon Alltag geworden. Vielleicht ist die Menschheit bereits auf einen
anderen Planeten übersiedelt. Es klingt verrückt, aber wenn man so lange von der Außenwelt abgeschottet ist,
dass man weder Raum- noch Zeitgefühl besitzt, dann rechnet man mit allem. Wer weiß wie es wirklich da draußen ist.

In solchen Situationen fragt man sich unzählige Male: „Wieso ich?“ Ich war schon immer jemand, der
keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, der immer pünktlich seine Steuern und Rechnungen zahlte.
Und trotzdem bin ich es, dem dieses Unglück widerfahren ist. Es traf mich, soweit ich mich noch erinnern kann,
mitten am helllichten Tag. Wie aus dem Nichts. In der Mittagspause, an einem ganz gewöhnlichen Arbeitstag.
Ich hoffte lange darauf, dass sich meine Arbeitskollegen auf die Suche nach mir machen würden, da ich doch
nie ins Büro zurückkam. Ich hoffte auf meine Familie, denen es doch hätte auffallen müssen, als ich eines
Abends nicht zum Essenstisch erschien und auch nie mehr das Haus betrat. Ich hoffte auf so vieles, und
dennoch vergingen Tage, Wochen, Monate. Nichts passierte.

Ich habe mich an das Leben hier gewöhnt. Ich habe primitivste Gegenstände gefunden, die mein Dasein
wenigstens ein bisschen erleichtern, wie die Zeitungen, die als Decken herhalten. Immer wieder finde ich
etwas Papier und Schreibutensilien, mit denen ich meine Gedanken aufschreiben kann. Ich habe mich schon
lange nicht mehr rasiert, mein Bart ist lang und dicht geworden, Staub und Essensreste hängen vereinzelt
noch darin. Von einer warmen Dusche kann ich nur träumen. Meine Kleidung ist zerschlissen, meine Schuhe
sind zur Hälfte zerfallen, meine Haut ist mit Blut, Staub und Schmierfett besetzt. Andere Menschen würden
mich so nicht mehr erkennen. Vor einer Ewigkeit gab mein Handy den Geist auf, woraufhin ich auf mich
alleine gestellt war. Seitdem kämpfe ich mich von einem Tag zum nächsten, ohne überhaupt zu wissen, wann Tag
und wann Nacht ist.

Ich blicke an den kalten, grauen Wänden empor an die Decke, die an einen mit massiven
Stahlstreben gebauten Käfig erinnert, und wünsche mir nichts sehnlicher als das Sonnenlicht einmal wieder
zu sehen. In der Verzweiflung und der nervlichen Erschöpfung schließe ich meine Augen und sehe mein Leben
an mir vorüberziehen, während eine Träne nach der anderen über meine abgemagerten, knochigen Wangen kullert.
„Ich elender Mensch“, seufze ich mit letzter Kraft vor mich hin, wohl wissend, dass es keine Menschenseele hören würde.
So viele Dinge, die ich hätte richtig machen sollen. So viele Menschen, denen ich noch hätte sagen müssen,
wie sehr ich sie liebe. All das geht einem am tiefsten Punkt im Leben durch den Kopf. Jetzt weiß ich, wie sich so etwas anfühlt.
Ich knie am Boden und habe meine Kraft zur Gänze verloren.

„Grüß Gott!“

Diese Worte einer fremden Stimme treffen mich wie ein Blitz und ich öffne erschrocken meine Augen.
Ich bin so perplex, dass ich nicht antworten kann.

„Entschuldigen Sie bitte die lange Wartezeit“, entgegnet mir die Frau in der weißen Schürze freundlich, „so ist das eben
mit den Älteren, da muss man einfach geduldig sein. Aber zum Glück hat sie ihr Kleingeld noch gefunden. Legen Sie doch bitte die
Zeitung und das Büromaterial auf das Förderband, damit ich es scannen kann.“

Wie ferngesteuert lade ich die Sachen auf das schwarze Gummiband und sehe wie in Zeitlupe zu, wie es langsam zum Scanner vorgezogen wird.
Die Verkäuferin zieht sie über den Laser, es ertönen vier kurze Piepgeräusche und meine gekauften Waren landen in der Ablage.

„Das macht dann drei Euro vierzig bitte.“

Ohne ein Wort zu sagen krame ich meine Geldbörse aus meiner hinteren Hosentasche, kratze die Münzen
zusammen und lasse sie auf der Münzablage liegen.

„Vielen Dank“, sagt sie, „und noch ein schönes Wochenende!“

In meiner völligen Verwirrung nicke ich ihr nur zu, damit ich nicht ganz so unhöflich wirke. Ich kann mich in meiner
Erschöpfung nicht einmal freuen, obwohl ich gerade allen Grund dazu hätte. Dem eigenen Ende nahe hätte ich mir
nie erwartet, lebend hier raus zu kommen. Was für ein überwältigendes Gefühl! Mit den gekauften Artikeln in der
Tüte humple ich durch den langen Gang und kann ein grelles Licht am anderen Ende erkennen. Ich komme dem
Licht näher, und als die Türen sich geschmeidig auseinanderschieben, rieche ich zum ersten Mal nach gefühlten
tausend Tagen die frische Luft von draußen und spüre die wohlig warme Sonne in meinem Gesicht. Ich drehe mich
kurz um und kann es kaum glauben, wie lang ich es in diesem riesigen Gebäude ausgehalten habe.

Mit meiner linken Hand greife ich in die linke Hosentasche und ziehe den Autoschlüssel heraus. Dort steht es, am Ende des
Parkplatzes, als hätte man es gerade vor zehn Minuten dort geparkt. Der Schlüssel passt. Der Motor startet.
Glücksgefühle schießen durch meinen Organismus. Da, mein Ladekabel! Hach... Neues Leben scheint sich zu entfalten, als
ich mein Smartphone an das Kabel anschließe und ich endlich wieder den lang vermissten Bildschirmhintergrund sehe.

Sofort aktiviere ich das Internet. Fünf verpasste Anrufe und eine Nachricht im Facebook Messenger von meiner Arbeitskollegin.

„Wo bleibst du?!!! Wir warten schon seit 1000 Jahren auf dich!“

„Jaja, nur kein Stress“, tippe ich schmunzelnd und füge ein frech lachendes Emoji ein, lege das Handy auf das Armaturenbrett und fahre los.

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